Olympia: Markenschutz im Grenzbereich

Sie sind vermutlich das bekannteste Markenzeichen der Welt: die Olympischen Ringe. 1913 von dem Franzosen Pierre de Coubertin entworfen, symbolisieren sie die fünf Kontinente der Welt. Ihre Verschlungenheit steht für die Idee Olympias, das Zusammentreffen von Sportlern unterschiedlicher Kulturen, vereint durch das sportliche Ereignis. Das Zeichen ist uneingeschränkt positiv besetzt; es steht für Internationalität, Verständigung, kulturellen Austausch, Sportsgeist – eine große Marke von unermesslichem Wert.

Und diese Marke vergibt das IOC alle vier Jahre exklusiv in Lizenz an die Sponsoren der Spiele. Sie zahlen Millionenbeträge, um sich im Glanz der Spiele zu sonnen. Die Werbung mit der Olympiade hat einen zentralen Platz in ihren Marketingstrategien. Dazu wird ihnen hinsichtlich der Nutzung bestimmter Wörter und Zeichen – insbesondere der Olympischen Ringe – Exklusivität zugesichert. Vor einer anderen Verwendung durch Dritte werden Sie geschützt.

Diese Exklusivität treibt allerdings seltsame Blüten:

  • Auf dem gesamten Olympiagelände stehen Geldautomaten, die ausschließlich Karten des Exklusivpartners Visa akzeptieren.
  • An den Wettkampforten dürfen Pommes Frites nur von McDonalds verkauft werden. Es sei denn in Kombination mit Fisch – denn die nationale Fastfood-Ikone Fish&Chips scheint interessanterweise unantastbar.
  • Mit einer ominösen „Regel 40“ soll Guerilla-Marketing verhindert werden. Was sich in der Praxis dann z.B. so gestaltet: Dem amerikanischen Langstreckenläufer Lee Manzano wurde untersagt, auf Facebook ein Foto seiner Schuhe zu posten, weil deren Marke nicht zum Kreis der offiziellen Sponsoren gehört.

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Quelle: wurstblog.de

Wer so weitreichende Exklusivrechte einräumt, der muss einigen Aufwand treiben, um diese durchzusetzen. Und so sind 300 Markenschützer in Großbritannien ausgerückt, wie dieser Tage überall zu lesen ist, um den Missbrauch mit der Marke Olympia einzudämmen. Und die Markenschützer wurden fündig: u.a. in Weymouth, einer Küstenstadt im Südwesten, ca. drei Autostunden von London entfernt. Einer der Übeltäter ist Dennis Spurr, Fleischer. Das Korpus Delikti? Ein Werbeschild, auf das er Würste in Form von Olympischen Ringen aufgemalt hatte. Es wurde natürlich abgehängt. Ebenso wie die Olympischen Ringe aus altem Stanniolpapier in einem Blumenladen. Und auch die fünf olympisch arrangierten Bagel im Schaufenster eines Cafés in Südengland mussten entfernt werden. Das Café Olympic in London-Stratford heißt jetzt vorübergehend Café Lympic. Das „O“ wurde übermalt nach Androhung von 20.000 Pfund Strafe.

Markenschutz hat zweifellos eine hohe Priorität. Und zur Sicherung der eigenen Rechtsposition kann es aus Sicht des Markeninhabers durchaus richtig sein, in bestimmten Situationen kein Auge zuzudrücken, sondern eine harte Grenze zu ziehen. Den Olympiahütern scheint jedoch das rechte Maß zu fehlen. Ihr Einschreiten gegen Kleinunternehmer erinnert an den Fall Jack Wolfskin aus dem Jahre 2009: Statt um fünf Ringe ging es hier um die im Markenlogo abgebildete Wolfstatze. Obgleich juristisch gesehen im Recht, überspannte Jack Wolfskin den Bogen gehörig und verschickte Abmahnungen an Mitglieder des Dawanda-Portals, einem Online-Bastelmarkt für Selbstgemachtes. Die häuslichen Handarbeiten waren mit Tatzenabbildungen verziert. Nachdem der Werbeblogger den Fall aufgegriffen hatte, entstand eine regelrechte Empörungswelle. Jack Wolfskin ruderte schließlich zurück.

Auch im Fall Olympia waren die negativen Reaktionen, die von Häme bis zu ernster Empörung reichen, vorprogrammiert. Es zeigt sich, dass es nicht immer nur darum geht, seine Markenrechte formal durchzusetzen, sondern dabei das richtige Fingerspitzengefühl zu beweisen. Jeder hat Verständnis, dass Pepsi nicht die fünf Ringe verwenden darf, wenn Coca-Cola einer der Sponsoren ist. Aber im Umgang mit beispielsweise den Schaufensterdekorationen olympiabegeisterter Einzelhändler sollte man schon etwas mehr Sportsgeist aufbringen. Denn nicht nur aus dem sportlichen Bereich ist allgemein bekannt, wem schnell die Sympathien zufliegen, wenn Goliath gegen David zuschlägt.